• Nina Elba

Ein Blick hinter die Fassade der "Feiernden Gesellschaft" der Goldenen Zwanziger

Glaubt ihr daran, dass manche Botschaften einen genau zum richtigen Zeitpunkt erreichen?


Ich war bereits mitten in der Planung für meinen Debütroman, als mir meine Mama mit den Worten "Das wird dich sicherlich interessieren!" ein altes Schriftstück übergab.


Als ich zu lesen begann, bekam ich Gänsehaut: Es handelte sich um die Lebenschronik meines Uropas väterlicherseits und er erzählt in seinen eigenen Worten, wie er den Ersten Weltkrieg und die Zeit danach erlebt hatte.


Während meiner Roman-Recherche war ich bereits auf Berichte von Zeitzeugen und andere hilfreiche Quellen, die über die Internetrecherche hinausgingen, gestoßen.


Dass aber ausgerechnet in der Phase meines Debütromans dieser 77 Jahre alte Bericht mit persönlichem Bezug seinen Weg zu mir gefunden hatte, berührte mich sehr.

Und das, obwohl ich meiner Mama zu diesem Zeitpunkt noch nichts von dem Jahrzehnt, über das ich schreibe, verraten hatte.


Um meine Romanfiguren zum Leben zu erwecken, half es mir tiefer in die Gedankenwelt der damals lebenden Menschen einzutauchen. Auf ein paar Erkenntnisse möchte ich hier näher eingehen.




Zwischen Lebenslust und Zerrissenheit


Das weitverbreitete Bild der Goldenen Zwanziger wirkt auf mich, als hätten sich die Menschen nach den Schreckensjahren des Krieges und dessen Folgen endlich die Freiheit genommen, ihr Leben in vollen Zügen zu genießen.


Es ging nicht nur darum, Verpasstes aufzuholen, sondern auch um völlig neue Möglichkeiten. Die Einführung des Rundfunks, des Tonfilms und die Blütezeit der Literatur, die mein Uropa besonders schätzte: "Es ging uns eine neue Welt auf."


Besonders stark pulsierte das neue Leben in der Großstadt, wie Berlin. Während die meisten Menschen auf dem Land noch immer mit der Armut kämpften. Auch deshalb zog es viele in die Stadt, in der Hoffnung auf den Zug der Zeit aufzuspringen.


Die beschränkte Freiheit


Die Zwanzigerjahre brachten vor allem für Frauen viele Veränderungen mit sich. Bereits während des Krieges füllten sie die Lücken der Männer in der Arbeitswelt aus. Erhielten dadurch mehr Rechte, kämpften jedoch mit Unterbezahlung und langen Arbeitszeiten. Im Falle einer Heirat, bedurfte es der Einwilligung des Partners, wenn sie ihre Arbeit weiter ausführen wollten. Dies gestaltete sich schwierig, da Doppelverdiener nicht gerne gesehen wurden.


Die Frau, die sich nachts ins rauschende Partyleben der Großstadt-Metropole stürzte, strahlte ein neugewonnenes Selbstbewusstsein aus. Die Tugendhaftigkeit der Kaiserzeit schien vergessen. Sie tanzte zu Jazz, rauchte öffentlich, trug maskulines Parfum, kurze Kleider, Hosenanzüge und Bubikopf.


Es wirkte wie eine Befreiung von bürgerlichen Normen und Tradition. Hinter der Coolness und Eleganz steckte aber immer noch eine Portion Mut, denn vieles wurde nach wie vor als unangemessen betrachtet.


Nach- oder Zwischenkriegszeit: eine Vorahnung?


Es fällt schwer, die Zwischenkriegszeit unbeeinflusst zu betrachten, wenn man bereits über den weiteren Geschichtsverlauf Bescheid weiß.


Umso interessanter fand ich es, als ich auf Quellen gestoßen bin, die die Frage in den Raum stellten, ob die Menschen die Zeit überhaupt als Nachkriegszeit ansahen oder sogar den Zweiten Weltkrieg vorausahnten. Hier lohnt sich ein Blick auf die damals entstandene Literatur: Zukunftsromane erfreuten sich sehr hoher Beliebtheit.


Diese konzentrierten sich nicht auf die Verarbeitung der Vergangenheit, sondern auf einen korrigierten Neuanfang. Die Frage, ob Deutschland im Fall einer Wiederholung des Krieges besser dastehen würde, traf den Nerv der Zeit. Die Schnelllebigkeit machte vielen Menschen Angst: Konnten sie diesem Rausch der Zeit noch standhalten oder war es unausweichlich, dass es erneut in einer Katastrophe endete? Musste wieder Gewalt erlitten werden, um Stabilität zurückzugewinnen?


Fazit:


Diese Erkenntnisse zeigen, dass es nicht die "eine Wahrheit" gibt. Jeder Mensch schreibt seine eigene Geschichte und hat eigene Gefühle, die sich von außen nicht immer erahnen lassen.


Die Erlebnisse des Krieges steckten den Menschen noch in den Knochen. Auf der einen Seite konnte die Zeit nach solch schlimmen Erlebnissen als befreiend empfunden werden, auf der anderen Seite diente die Euphorie auch als Ablenkung. Von Vergangenem und von der Angst, dass der kurze Moment des Glücks, des Friedens schon bald wieder vorbei sein könnte.


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